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Die Kandahar 2: Nur für tollkühne Burschen – nichts für Hosenscheißer

© Gerwig Löffelholz / Garmisch-Partenkirchen (GER)

© Gerwig Löffelholz / Garmisch-Partenkirchen (GER)

Gastkommentar von Dr. Eberhard Pino Mueller  – Vielleicht zuerst einmal die gute Nachricht: Der Sieger bei der Männerabfahrt, sagte schmunzelnd Peter Fischer, OK-Chef beim Ski-Weltcup in Garmisch, werde selbstverständlich das ganze Preisgeld kriegen, auch wenn es wegen schlechter Sicht nur ein verkürztes Rennen geben werde. Und hier folgt auch gleich die schlechte Nachricht: Von 93.200 Euro Gesamtpreisgeld fallen für den Sieger 29.000 Euro ab. Über solche Summen können Profis wie Golfer, Tennisspieler, Boxer, Formel-1-Fahrer, ja sogar zweitklassige Kicker nur müde lachen. Wie kann man Athleten, die Kopf und Kragen riskieren, mit so mickrigen Prämien abspeisen?

Dazu muss gesagt werden, dass die Kandahar-Männer-Abfahrt-Piste eine der schwierigsten des gesamten alpinen Skiweltcups ist. Die Spitzengeschwindigkeiten liegen bei 160 km/h. Der steilste Streckenabschnitt, mit 92 Grad, bekam sinnigerweise die Bezeichnung „Freier Fall“. Bei eisiger Piste sind Sprünge von fünfzig Metern drin. Wer sich in so einen Hang stürzt und in weniger als zwei Minuten 920 Höhenmeter runterratzt, bietet nicht nur spektakulären Sport, sondern geht auch ein großes Risiko ein, denn niemand wird behaupten, das sei harmlos und ungefährlich.

Um wirklich mitzubekommen, was da abgeht, müssen Sie selbst einmal die Kandahar hinunterfahren. Im Schuss, das kann man gleich vergessen. Unmenschlich ist eigentlich schon, nicht ganz in der Falllinie wie die Abfahrt-Spezialisten runterzubolzen. Mein Fahrer Peter Walter, der mich zur Rennstrecke brachte, in Garmisch seit langem wohnt und sehr gut Ski fahren kann, erzählte warum. Er habe Skifahrer an den Steilhängen bei vereister Kandahar-Piste gesehen, die nicht aufrecht stehend anhalten konnten und unaufhaltsam sofort 40, 50 und mehr Meter den Hang hinunterrutschten.

Es gibt auch die Geschichte, dass der Österreicher Hannes Trinkl, als er 1993 erstmals am Start der Kandahar stand, richtig Muffensausen hatte, weil einige Rennläufer auf dem blanken Eis bereits vor ihm von der Piste geflogen waren. Hannes Trinkl, inzwischen der Speed-Renndirektor beim Internationalen Skiverband, war für die Optimierung der Kurssetzung des 62. Kandahar-Rennen in Garmisch zuständig. Er hat auch gleich die Anfahrt zum „Freien Fall“ so verlegt, dass die Zuschauer im Zielraum noch spektakulärere Sprünge bewundern können. Hannes Reichelt, der spätere Sieger und aktueller Super-G-Weltmeister, meinte nach seinem Trainingslauf: „Wär ich noch weiter gesprungen, hätte ich das nächste Tor verpasst!“

Die Kandahar, eigentlich nur etwas für Abfahrtsspezialisten, tun sich deshalb viele Slalomfahrer, auch ein Felix Neureuther, Fritz Dopfer oder Marcel Hirscher, die weiß Gott bombig auf Skiern stehen, nicht an. Aber auch für die, die hier runterbrettern, ist das eine Überwindung. „Volle Pulle auf solchen Hängen!“, sagt deshalb der Österreicher Max Franz, „dafür brauchst du richtig Mut.“ Und selbst ein tollkühner Bursche und verwegener Draufgänger wie der Kanadier Erik Guay, der das Rennen früher zweimal gewann, gab zu, wenn er am Start stehe, spüre er immer, wie der Blutdruck steige und sein Herz rase.

Die Nervosität in Grenzen zu halten, ist natürlich nicht einfach. Klaus Brandner vom WSV Königsee erinnert sich noch genau an sein erstes Weltcup-Rennen 2013 in Garmisch. „Da war ich megaaufgeregt!“ Das konnte natürlich nicht gut gehen, und so kam er mit viereinhalb Sekunden Rückstand auf den Sieger als 59. ins Ziel. Mittlerweile habe er die Nervosität aber ganz gut im Griff.

Hilfreich ist zur Beruhigung kurz vor dem Rennen ein Tunnelblick. Die Athleten versuchen dabei alle Störfaktoren auszublenden, um sich zielorientiert nur noch auf den Wettkampf zu konzentrieren. Negative Gedanken über Gegner, Strecke, Körper, Material müssen weg sein, damit nur noch das Kleinhirn, das für die Koordination und Feinabstimmung der erlernten Bewegungsabläufe zuständig ist, die Motorik steuert.

Es gilt dann nur noch, Augen zu und mit Karacho runter – wie, eben immer, ein Bode Miller, der deshalb, wie kein anderer im Skizirkus, geliebt wird. Denn das Schlimmste ist, wenn die Angst mitfährt. Überhaupt sollte man die Strecke, um das Beste herauszuholen, lieben egal, ob eisig oder nicht; und heiß sein auf das Rennen, sonst wird das nichts; und alles geben, auch an den brenzligen Stellen, denn wer sich nur kurz einmal aufrichtet, nicht in der Hocke bleibt oder mit den Armen rudert, verliert ruckzuck wertvolle Zehntel- oder Hundertstelsekunden.

Heiliger Himmel – eine Hundertstelsekunde hatte dem Österreicher Hannes Reichelt diesmal bei der Männer-Abfahrt zum Sieg gereicht. Das waren nur mal eben 31 Millimeter, die seinem Landsmann Romed Baumann, als Zweitschnellster,  bis zur Ziellinie gefehlt haben. So gesehen war Klaus Brandner, als bester Deutscher, mit Platz neunzehn gut dabei, denn nur ein Wimpernschlag –eine Dreiviertelsekunde schneller – und er hätte das Ding gemacht.

Gut möglich, dass das Rennen ohne Wetterkapriolen anders gelaufen wäre. Auf Neuschnee und auf einer wegen Wolken um ein Drittel verkürzten Piste, war es plötzlich ein anderes Rennen – für die Rennläufer nicht so stressig und für die Zuschauer mit ein bisschen weniger Kick.

Gastkommentar von Eberhard Pino Mueller, www.takeoff-press.de

 

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