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Federica Brignone: „Ich wäre lieber bei allen geplanten Rennen an den Start gegangen.“

Federica Brignone: „Ich wäre lieber bei allen geplanten Rennen an den Start gegangen.“ (Foto: © Archivio FISI/Gabriele Facciotti/Pentaphoto)

Federica Brignone: „Ich wäre lieber bei allen geplanten Rennen an den Start gegangen.“ (Foto: © Archivio FISI/Gabriele Facciotti/Pentaphoto)

Federica Brignone meldet sich nach ihrem Gesamtweltcupsieg mit einem offen Brief bei ihren Fans und Freunden und lässt ihren Gefühlen und Emotionen freien Lauf.

„Ich habe mir meinen größten Traum im Skisport erfüllt. Gemeinsam werden wir auch die schwierige Herausforderung gegen den Coronavirus gewinnen. Mir ist in der Zwischenzeit klar geworden, dass ich bei den Interviews am Mittwoch nicht ausdrücken konnte was ich fühle. Da waren die Absagen der Rennen in Are, und der Gewinn der großen Weltcupkugel, was mich total verwirrte. In diesem Moment wollte ich einfach alleine sein, um die Spannung der letzten Monate abzubauen. Ich dachte immer nur an die Rennen, das Training, immer auf das große Ziel konzentriert. Am Abend feierte ich in unserer Wohnung mit dem Rest des Teams eine kleine Party, und um Mitternacht gab es noch Spaghetti mit Knoblauchöl, für diejenigen die noch hungrig waren.

Zwölf Stunden später fühle ich mich klarer, auch wenn ich meine Koffer packen, tausend Fragen beantworten und verstehen muss, wie ich nach Hause gehen soll. Den Gesamtweltcup zu gewinnen war ein Traum, mein größter Traum. Wie viele andere Skisportler habe ich immer gedacht, dass eine Gesamtweltcup-Kugel mehr Wert hat, als eine Welt- oder Olympiamedaille, weil sie Ausdauer und Können während einer ganzen Saison und nicht an einem einzigen Tag belohnt.

Mein eigentliches Ziel, alle wissen es, war immer die große Weltcupkugel, aber in diesen Tagen, in den letzten drei Rennen, hätte ich auch die Parallel und Riesenslalomkugel erobern können. Ich glaube nicht, dass die Absage der Rennen mich begünstigt und jemand anderen benachteiligt hat, im Gegenteil, ich wäre lieber bei allen geplanten Renen an den Start gegangen.

Für die traurige Auszeit von Mikaela kann ich nichts. Wir mussten weiter Rennen fahren, auch wenn wir sie vermisst haben. Es tut mir sehr leid was sie durchleben musste, aber es ist wie bei einer Verletzung, wir müssen weiterfahren und können nicht warten bis jemand zurückkommt. Ich habe mich auf ihre Rückkehr gefreut und hätte mich gerne wieder mit ihr auf der Strecke gemessen.

Ich habe in dieser Saison 25 von 30 Rennen absolviert, mehr oder weniger diejenigen, die im Winter von Großveranstaltungen stattfinden. Ich glaube also nicht, dass wir von einer halbierten Weltcupsaison sprechen können. Ich habe den italienischen Punkterekord mit einem sehr hohen Durchschnitt in sechs Disziplinen aufgestellt und bin unter den ersten drei in sechs Ranglisten gelandet: Im Gesamtweltcup, Riesenslalom, in der Kombination, dem SuperG, der Abfahrt und im Parallelslalom.

Was ich wirklich schade finde ist, dass ich nicht mit der großen Weltcupkugel ausgezeichnet wurde. Niemand hat mit mir darüber gesprochen. Ich weiß nicht wo sie ist und wann sie mir überreicht wird. Am liebsten hätte ich die Kristallkugel in Hand gehalten, sie in den Himmel gehalten und das vor meinem Publikum in Cortina. Ich wollte mit meinem ganzen Team auf dem Podium feiern, da wir auch den Frauen-Nationencup gewonnen haben. Wir waren ein großartiges Team.

Ich habe vielen zu danken und beginne mit meiner Familie, die mir das Leben beigebracht hat und mich nie dazu gedrängt hat, so zu sein, wie ich bin. Davide, mein Bruder, war ein ganz wichtiger Begleiter. Ich glaube, er war der einzige der immer daran geglaubt hat, dass ich die große Kugel gewinnen kann. Seine Überzeugung half mir, als Athlet und als Mensch zu wachsen.

Ich danke meinem Team, zu dem Gianluca Rulfi, Marcello Tavola, Daniele Simoncelli, Gigi Devizzi und all die anderen Techniker und Ärzte, ohne die Menschen zu vergessen, die hinter den Kulissen mit Leidenschaft und Engagement für mich arbeiten: Giulia und Daniela Mancini, Federico Colli, Gianmarco Ideo, Roberto Greco und Valeria Dalla Libera. Ohne sie alle hätte ich nichts gewonnen. Und dann Sbarde (Mauro Sbardellotto), mein unersetzlicher Skiman, der mit anderen Athleten und insbesondere Deborah Compagnoni bereits alles in seiner Karriere gewonnen hatte, aber noch keinen Gesamtweltcup.

Ich danke auch der FISI, der Carabinieri Sport Gruppe, dem Coni und den Sponsoren, ohne deren Unterstützung ich nicht jeden Tag so arbeiten hätte können. Danke auch an meine Freundinnen und Freunde, die für mich durchs Feuer gehen würden, auch wenn wir uns nur selten sehen. „And last but not least“ allen meinen Fans und vor allem meinen Fanclub, der mir immer positive Energie gibt, und immer hinter mir steht. Ich hoffe ich kann bald mit ihnen den Saisonabschluss feiern, und ihnen die große Kugel präsentieren. Wie gesagt, bis jetzt weiß ich nicht, wann, wie und wo ich sie überreicht bekomme.

Was nicht fehlen darf, ist der Blick in die Zukunft. Die Saison ist vorbei, und ich habe das Gefühl, ich müsste gleich wieder mit dem Training beginnen, damit ich meine Leistung bestätigen kann. Mir ist bewusst, dass es nicht einfach wird diesen Erfolg in der kommenden Saison zu wiederholen. Aber ich möchte im Ski Weltcup, früher oder später wieder die italienische Nationalhymne hören.

Jetzt fahre ich nach Hause, ich weiß was mich und alle Italiener erwartet. Leider werde ich in diesem schwierigen Moment nicht in der Lage sein, meine Arbeit fortzusetzen. Die Konkurrenz wir weiter Skifahren können, wir Italiener werden nicht einmal in ein Fitnessstudio gehen können. Trotzdem bin ich glücklich, dass ich im Aostatal lebe und von meinem Fenster zumindest den Schnee und die Berge sehen kann. Es wird eine gute Gelegenheit sein, das Haus aufzuräumen und den richtigen Platz für die große Weltcupkugel zu finden, wenn ich sie einmal bekomme.

Ich schicke euch allen einen lieben Gruß und eine Umarmung, und bedanke mich bei allen die mich unterstützt haben.“

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