31 Oktober 2020

„Dolomiten“-Sportredakteur Andreas Vieider im Skiweltcup.TV Interview: „Die Situation ist sehr ernst.“

„Dolomiten“-Sportredakteur Andreas Vieider im Skiweltcup.TV Interview: „Die Situation ist sehr ernst.“ (Foto: © Andreas Vieider / privat)
„Dolomiten“-Sportredakteur Andreas Vieider im Skiweltcup.TV Interview: „Die Situation ist sehr ernst.“ (Foto: © Andreas Vieider / privat)

Bozen – Dass sich der Ski Weltcup aufgrund der gegenwärtigen Corona-Pandemie in einer ernsten Lage befindet, wissen wir nicht erst seit gestern. Die Situation in Italien scheint immer schwieriger zu werden. So kann es sein, dass die Klassiker in auf der Saslong in Gröden oder auf der Gran Risa in Alta Badia/Hochabtei gar nicht stattfinden können. Aber wir wollen nicht den bekannten schwarzen Teufel an die noch bekanntere Wand malen. Vielmehr baten wir Andreas Vieider um ein Gespräch. Vieider ist wie Otto Schöpf Sport-Ressortleiter der Tageszeitung „Dolomiten“. Wir sprachen mit ihm über die Lage, die Blasen in Sölden und in der Welt, die Kritik von Felix Neureuther an der FIS und die Gemeinsamkeiten von Ski alpin und Amateurfußball, den beiden Steckenpferden des Sportjournalisten.

Herr Vieider, seit vielen Jahren verfolgen Sie das alpine Weltcupgeschehen für die Südtiroler Tageszeitung „Dolomiten“. Aufgrund der gegenwärtigen Corona-Pandemie ist die Lage rund um den Skirennsport ernst, sehr ernst. Wie ist der Stand der Dinge, wenn man etwa die Austragung der Südtiroler Klassiker in Gröden und Alta Badia/Hochabtei oder gar die im Februar des nächsten Jahres geplante Ski-WM in Cortina d‘Ampezzo in Betracht zieht?

Die Situation ist sehr ernst. Alle Veranstalter wären gerüstet, haben sich seit vielen Monaten mit allen möglichen Szenarien beschäftigt und ausgezeichnete Konzepte erstellt, um einerseits die Rennen durchführen zu können, andererseits aber auch die Gesundheit aller involvierten Personen zu schützen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die seit Wochen steil ansteigende Kurve von Neuinfektionen, und damit die benötigte Bettenanzahl in den Spitälern, ganz zu schweigen vom Ärzte- und Pflegepersonal. Wenn diese Kurve noch zwei oder gar drei Wochen so steil nach oben geht, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dann im Dezember irgendwelche Sportveranstaltungen stattfinden. Egal, ob es Ski alpin, andere Wintersportarten, aber auch Eishockey, Fußball, Handball und dergleichen sind. Dann wird man für den Sport kein verfügbares Ärzte- und Pflegepersonal übrig haben. Was die Ski-WM in Cortina d’Ampezzo im Februar 2021 anbelangt, sind Prognosen ebenfalls schwierig. Schließlich sind es noch mehr als drei Monate bis dahin. Vielleicht oder hoffentlich hat man bis dahin die Kurve gekratzt, sprich sind die Infektionszahlen und die Belegung der Betten mit Covid-Patienten in den Spitälern wieder auf einem überschaubaren Maß. Es wäre genial, wenn die WM über die Bühne gehen könnte. Als Ausrufezeichen für einen zweiten Neustart.

In Sölden hat, da alles um eine Woche vorverlegt wurde, es verhältnismäßig gut geklappt. Man hat die Fans ausgesperrt und verschiedene Blasen ins Leben gerufen. Kann das mit den Blasen nur funktionieren, wenn der Tourismus gemäßigt oder gar ausgeklammert wird? Denn in Val d’Isère, wenn im Dezember der Speedwinter 2020/21 seine Tore öffnen soll, sind wohl zu viele Urlauber da…

Sölden hat perfekt funktioniert, und ich gehe davon aus, dass dies auch in Lech Zürs so sein wird. Problematischer wird es schon mit den 2 Damenslaloms in Levi. Viele Trainer und Serviceleute werden mit Kleinbussen die fast 2000 km lange Fahrt in Angriff nehmen, die Athletinnen werden mit dem Flugzeug anreisen, und schon das birgt eine gewisse Gefahr. Ich glaube, dass es auch im Skisport mehrere Covid-Fälle geben wird – und die es ja schon gegeben hat – egal ob mit oder ohne Blase. Es dürfte auf allen Weltcup-Etappen möglich sein, den Weltcup-Tross und die Touristen strikt zu trennen. Sowohl, was die Unterkunft betrifft, was die Beförderung an den Aufstiegsanlagen betrifft, aber auch, was die An- und Abreise betrifft. Aber es ist natürlich ein gewaltiger organisatorischer Mehraufwand für die Veranstalter.

Felix Neureuther hat den Weltskisportverband kritisiert, wonach dieser nicht einmal imstande war, online einen neuen Präsidenten zu wählen. Außerdem gibt es Mutmaßungen, wonach die FIS die nationalen Verbände in schweren Zeiten wie diesen zu wenig unterstützt und ihnen nicht unter die Arme greift. Haben die nationalen Verbände ihre Hausaufgaben nicht gemacht oder muss man mehr Solidarität an den Tag legen, wenn der Weltcup vor einem harten Überlebenskampf steht?

Da gebe ich Felix mehr als nur Recht. Die FIS schlingert als sportpolitisches Konstrukt weitgehend orientierungslos durch die Gegend, und nur dank der unglaublichen Arbeit der verschiedenen Renndirektoren in allen Disziplinen und der Professionalität der Veranstalter besteht die Chance, dass es im kommenden Winter Weltcuprennen gibt. Zudem müsste die FIS allen nationalen Verbänden unter die Arme greifen, so wie es die Staaten, Regionen und Länder seit vielen Monaten auch für ihre Bürger tun. Inwieweit das passiert oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Fix ist nur, dass sich alle nationalen Verbände unglaublich bemühen, trotz der aktuellen schlimmen Situation das Beste daraus zu machen und trotz allem hochprofessionelle Trainingsarbeit verrichten. Hoffen wir, dass es nicht umsonst ist und dass wir im Winter Rennen in allen Disziplinen erleben werden.

Eine private Frage zum Schluss: Neben Ihrem Steckenpferd Ski alpin interessieren Sie sich auch für das lokale Fußballgeschehen. Was ist das Schöne am Dasein als Sportjournalist, und was verbindet beispielsweise der alpine Skirennsport mit dem runden Leder?

Schwierige Frage. Es sind zwei grundverschiedene Sportarten – das eine ist Individualsport, das andere Teamsport. Allein das ist faszinierend. Ich bin mit beiden Sportarten aufgewachsen, bin als Jugendlicher Skirennen gefahren und habe dann bis 31 Jahren selber aktiv Fußball gespielt auf gutem Amateurniveau. Es haben sich hier wie da Freundschaften fürs Leben entwickelt, landauf, landab, ja sogar über den gesamten Alpenraum. Deshalb habe ich immer versucht, einen Teil davon auch zurück zu geben. Egal, ob als Sportjournalist, als Fußballfunktionär oder als großer Fan von beiden Sportarten.

Bericht und Interview für Skiweltcup.TV: Andreas Raffeiner

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